AGILITY - Weltmeisterschaft 2004

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Meine Tage in Montichiari  ... zur WM-Bildergalerie

Erwartungen / Hoffnungen:

Ich fuhr nach Italien mit der Entschlossenheit ausgerechnet dort bei der WM das zu schaffen, was uns leider nicht so sehr häufig gelingt, nämlich zwei Nullfehlerläufe in einem Wettbewerb zu absolvieren. Noch zwei Wochen vor der WM in Leipzig wurde deutlich, wie nahe ein solches Ergebnis dem genauen Gegenteil nämlich "Doppel-DIS" ist. Beides hatten wir an jenem Wochenende.

Was nun ließ mich hoffen, dass uns das Traumergebnis ausgerechnet unter den besonderen Bedingungen einer Weltmeisterschaft gelingen könnte ? Bisher war es immer so, dass ich bei besonderen Ereignissen keineswegs besonders nervös war, sondern eher besonders konzentriert, wenn auch natürlich unter einer erhöhten Anspannung, die aber bis zu einem gewissen Grade zu einer Topleistung auch notwendig ist. Würde dies aber bei der Weltmeisterschaft, einer Art Lebenstraum, auch noch so sein? Ich konnte es nicht wissen, war aber zuversichtlich.

Was sollte im Falle zweier fehlerfreier Läufe aber möglich sein? 

Klar war, dass GARRY durchaus zu den schnellen Hunden gehört, klar aber auch, dass es schnellere gibt. Unsere Kontaktzonen, der Bereich, in dem auf Topniveau primär die Entscheidungen fallen, sind nicht langsam, aber gerade in diesem Bereich gibt es einige Teams mit einer besseren Kombination von Schnelligkeit und Sicherheit. Bleibt die Führtechnik: als relativer Anfänger fehlt mir natürlich noch die "letzte Sicherheit". Bis vor nicht allzu langer Zeit war auch die Gefahr eines Verlaufens im Parcour recht groß, ein Bereich, in dem ich aber erfreuliche Fortschritte gemacht habe.

Sicher würde sein, dass etliche Teams durch DIS oder Fehler in zumindest einem der beiden Läufe aus den Toprängen herausfallen würden. Unter Berücksichtigung all dieser Überlegungen war ich der Meinung, dass ein Platz unter den TOP 10 im Falle zweier fehlerfreier Läufe möglich sein müsste. Ein Vordringen in die erste Hälfte dieser Gruppe wäre denkbar, wenn wir im Parcour stets den besten Weg finden würden. Ein einziger Fehler aber würde schon ausreichen um auf Plätze mindestens jenseits der 20 oder 30 zu landen.

Vor dem Jumping:

Als wir am Donnerstag zum Training erstmals die Halle betraten stieg meine Zuversicht noch deutlich an. Hauptgrund dafür waren die  Hürdenstangen mit auffälliger Lackierung und der für die Hunde griffige Boden, wie im allgemeinen Bericht dargelegt. Unten in der Halle war es für meine Begriffe unangenehm warm, was aber wegen der Kürze von Agiliyläufen nicht relevant sein sollte. Die Veterinärkontrolle erfolgte ernsthaft aber erfreulich zügig.

Am Freitag stand der Jumping für uns an. Richter war hier der Tscheche Antonin Grygar, den ich schon einige Male, zuletzt kurz vor der WM in Leipzig, erlebt hatte. Ich wusste also, was uns erwarten würde: ein technisch schwieriger Parcour voller Verleitungen, der kaum "Verschnaufpausen" bieten würde, dazu eine Startsequenz, die uns mutmaßlich nicht sehr liegen würde. Man kann es ganz kurz sagen - alle Erwartungen wurden erfüllt.

Danke Guy Blancke für die Zustimmung zur Nutzung des Parocourplans !

Leicht "schockiert" hatte ich schon im Vorfeld zur Kenntnis nehmen müssen, dass ich dritter Starter sein würde. Mental glänzend vorbereitet ( hallo Thomas!) habe ich mich aber von dieser Sachlage, die ich mir nicht gerade gewünscht hätte, nicht irritieren lassen. Ich konnte so zwar keinerlei Teams vor mir laufen sehen, konnte aber auch nicht auf "dumme Gedanken" kommen, etwa Zweifel an der geplanten Führweise. Wegen der großen Starterzahl erfolgte die Parcourbegehung in 4 Gruppen, so dass ich genügend Zeit bis zu meinem Start hatte. Immer wieder ging ich die Laufwege gedanklich durch, und auch von den Tribünen aus wurde der Parcour aus verschiedensten Blickwinkeln inspiziert. Die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Lauf waren gelegt, noch ein paar gute Wünsche unserer Betreuer, und dann stand ich ganz alleine in der Halle - lautstark vom "deutschen Block begrüßt" - und musste versuchen, diesen Lauf wie jeden anderen auch zu absolvieren. Eine meiner Sorgen war, dass GARRY gleich nach dem Start durch eine Unachtsamkeit von mir über die Hürde 5 statt 2 springen würde - nicht wenigen ist später genau dieses passiert. 

Der Jumping:         Hier das Video

GARRY lag scheinbar ruhig am Start, doch noch ehe ich meine Startposition innehatte kam er "angeflogen". Eigentlich ein echter Fehlstart in diese WM. Vor etwa einem Jahr bekamen wir massive Startprobleme, die mittlerweile aber so gut behoben waren, dass GARRY schon seit Monaten meist wie festgeklebt am Start auf mein Zeichen wartet.

Ich wusste, dass dies von einem zum anderen Turnier wieder anders sein könnte, aber nun ausgerechnet hier . . . 

Erfreulicherweise blieb ich ganz ruhig und begann unseren Lauf eben etwas früher als geplant ;-)

Von Hürde 6 zu Tunnel 7 führte ich von hinten. Um zu verhindern, dass GARRY am Ende des Tunnels zunächst nach links dreht, bin ich schnell zum Slalom gelaufen und habe ihn noch im Tunnel massiv gerufen: Slalomeingang perfekt! Es war klar, dass Tunnel 14 bis zur Doppelhürde 19 nicht unproblematisch sein würde. Um zu verhindern, dass GARRY nach dem Tunnel die Hürde 17 nimmt, wenn ich zurückhänge, habe ich vor dem Tunnel einen Wechsel gemacht und bin zwischen Tunnel und Slalom in Richtung Hürde 15 gelaufen. Einen kleinen Zeitverlust am Tunneleingang habe ich bewusst hingenommen. Dennoch zeigte sich, dass ich nicht schnell genug war, so dass ich mit

etwas "Rückstand" GARRY am Tunnelausgang "traf". Dies führte zu einiger Konfusion und deutlichem Abstoppen von GARRY, und dementsprechend ging's ohne Schwung über Hürde 15. Vielleicht wurde durch den fehlenden Schwung der Bogen von 15 zu 16 etwas kleiner, aber dennoch schätze ich, dass uns das etwa eine Sekunde und damit einen ganz herausragenden Platz gekostet hat. "Dennoch" kannte mein Jubel nach Doppelsprung und Ziel kaum noch Grenzen:

Fehlerfrei bei meinem ersten WM-Lauf . . . ein Traum war wahr geworden. Da überwiegt selbstverständlich die Freude über das "Gewonnene" (Platz 9 von 124), und die kleinen Unzulänglichkeiten treten in den Hintergrund. 53,2% DIS sprechen eine deutliche Sprache und zeigen, dass es nicht so ganz einfach war, und schließlich waren hier ja nicht die Schlechtesten unterwegs. Als ehemaliger Langstreckler, der nie über eine herausragende Grundschnelligkeit verfügt hat, fehlt mir die Schnelligkeit, die in dieser Situation hätte helfen können. In einem Team, das wir HF mit unseren Hunden bilden, bestimmt natürlich das schwächste Glied die Gesamtstärke ;-)

Erwähnt werden muss auch, dass je 2 Teams nur 8 Hundertstel vor uns und 1 Hundertstel hinter uns waren. Eine Sekunde langsamer hätte Platz 18 bedeutet, 68 Hundertstel schneller wäre Platz 2 gewesen. 

Allen "enteilt" war die Französin Christelle Bouillot, die 1,37 sec vor dem Rest des Feldes in Führung gegangen war.

Der Anfang war gemacht, und dies gut, aber die A-Läufe konnten noch sehr viel verändern !!! 

Vor dem A-Lauf:

Zwischen Jumping und A-Lauf hatte ich am Samstag, dem Tag des Team-Wettbewerbs, einen "Ruhetag". Diejenigen, die im Mannschaftswettbewerb nicht zum Einsatz kamen, waren natürlich engagierte Unterstützer unserer Mannschaftsstarter. Am Sonntag hatte ich dann zunächst Stunden des Wartens auf den eigenen Start, denn zunächst starteten die Small, dann die Medium, und von den Large waren dann ja auch noch 115 vor mir dran. Wenn es sich um ein "Wunschkonzert" handelte, dann würde ich mir einen so frühen Start wie am Freitag ebenso wenig wünschen wie einen so späten wie jetzt. Allerdings war nun der Grund ja ein ganz erfreulicher.

Die Parcourbegehung fand wieder in 4 Gruppen statt, was aber immer noch über 30 Teams je Gruppe (8 Minuten) bedeutete, also großes Gedrängel an den "Knackpunkten" des Parcours.

Danke Guy Blancke für die Zustimmung zur Nutzung des Parocourplans !

Sicher auch ein Parcour mit Tücken, aber vom technischen Anspruch her aus meiner Sicht kein Vergleich zu dem Jumping von Grygar. Fast ein wenig enttäuschend - ich hatte eigentlich einen schwierigeren Parcour erwartet. "Nur" 18,85% DIS sind ein Indiz für diese Feststellung. Aufpassen musste man u.a. sicher auf dem Weg von Hürde 10 zu Tunneleingang 11 und die Doppelhürde 12 schien mir wegen des sehr weiten Weges vom Tunnel aus auch nicht unproblematisch. Um die Gefahr eines Stangenabwurfs bei Hürde 5 zu minimieren, entschloss ich mich hinter der Hürde keinen Wechsel zu machen, sondern am Weitsprung hinter dem Hund zu wechseln.

Der A-Lauf:     Hier das Video  

Ruhig, konzentriert und mit der inneren "Gewissheit" einen fehlerfreien Lauf zu absolvieren ging ich an den Start. Ganz ehrlich war ich selten am Start so zuversichtlich wie bei diesem so wichtigen Lauf!

Startphase unkompliziert, aber nach dem Weitsprung wendete sich GARRY nach links, musste sich drehen und zur Wand hin neu beschleunigen. Mein Laufweg und meine Körperhaltung kann wohl im entscheidenden Moment nicht optimal gewesen sein. Dieser oberflächlich betrachtet kleinere Lapsus hat sicher "einige Zeit" gekostet, hier geht es schließlich um Zehntel und Hundertstel. So sicher wie GARRY hier gesprungen ist, wäre ein Wechsel nach Hürde 5 vermutlich doch besser gewesen, was den "Fehler" am Weitsprung sicher verhindert hätte. Einige Hunde sind am Weitsprung so eng zur Wand hin gesprungen, dass die Markierungsstangen umgefallen sind - diese haben da natürlich viel Zeit gewonnen.

Auf dem Weg zum Tunneleingang 11 lief GARRY zwar nicht ganz gerade mit optimalem "Zug", aber bestimmt ohne nennenswerten Zeitverlust. Slalomeingang und Doppelhürde problemlos. Kurz vor Schluss dann der Stegabgang . . . Aufschrei und auch einige Buhs im Publikum und eine erhobene "Meroni-Hand" in meinem Augenwinkel . . . der ganz große Erfolg war nicht mehr möglich. Gut dann noch, dass es mir gelang die Schlusspassage noch mit voller Konzentration durchzulaufen. Freude und Erleichterung im Ziel, ganz sicher die alles andere dominierende Gefühlslage bei mir.

Mittlerweile sind einige Tage vergangen seit diesem Lauf, und mittlerweile habe ich mir unsere Video-Aufzeichnung einmal angeschaut. Von der allerdings nicht guten Kameraposition aus könnte man eher meinen, dass GARRY noch auf der Kontaktzone war. Beobachter vor Ort vertraten sowohl die eine wie die andere Meinung. Wie dem auch sei, man muss die Richterentscheidungen als Sportler akzeptieren. Wie immer, so gab es auch diesmal Teams, bei denen "wir Beobachter" den Hund in der Zone gesehen haben, obwohl ein Fehler gegeben wurde - gleichfalls sah man Hunde ohne Zonenberührung, denen kein Fehler angezeigt worden ist. Wer aber wollte für sich behaupten, die Richteraufgabe vom ersten bis zum letzten Team absolut fehlerfrei absolvieren zu können ??? Fast alle Hundeführer haben an diesem Wochenende kleinere und größere Fehler gemacht - dies müssen wir, auch wenn es im Einzelfall schmerzlich ist - auch den Richtern zugestehen. 

Fazit:  

Ich kann mich an kaum einen Stegabgangsfehler in den letzten Monaten erinnern, ausgerechnet hier hat es uns ereilt :-(

Leider fällt bei uns immer mal wieder eine Stange - in Montichiari hat GARRY nicht eine einzige auch nur berührt :-)))

Ein 9. Platz bei einem WM-Jumping trotz einer schwachen Passage ist sicherlich ein Erfolg. Bei einem nicht extrem schwierigen A-Lauf wird man mit einem Fehler natürlich weit zurückgeworfen - in unserem Falle auf Platz 60. In der Gesamtwertung Platz 25 ist sicher mehr, als irgendjemand ernsthaft von uns erwarten durfte. Ohne diesen einen Fehler hätten wir den 9. Platz vom Jumping gehalten. Die Zeit des A-Laufs (25 Teams waren schneller) kann nicht ganz überzeugen. Anders ausgedrückt, ich finde sie etwas enttäuschend. Hier zeigt sich aber auch, dass wir eben nicht "Weltspitze" sind . . . nun gut, hat ja auch niemand behauptet, und ich schon gar nicht !!!

Wir haben uns jedenfalls, wie man auch immer die Läufe im einzelnen analysieren mag, nicht blamiert.

Trotz der für uns guten Gesamtleistung wird eine WM-Qualifikation im nächsten Jahr sicherlich schwieriger zu erreichen sein als dieses Ergebnis. Vielleicht können wir uns in Zukunft noch etwas weiterentwickeln und verbessern. Im Gegensatz zu mir haben altersmäßig GARRY's "beste Jahre" immerhin gerade erst angefangen :-)))

 

Wie schon gesagt waren die Tage in Montichiari für mich von Anfang bis Ende eine einzige Freude ! Ich werde sie immer in bester Erinnerung behalten. Wir durften Teil eine tollen Teams sein, das zusammenhielt und keine schlechte Stimmung zuließ. Großartig auch die Haltung derer, die bei ihren Läufen nicht das notwendige Quäntchen Glück hatten. 

Alle Ergebnisse und Parcourläne u.a. auf der Seite von Guy Blancke 

Der Versuch einer allgemeinen Analyse wird folgen

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